Wasserstrasse-Häuser vorerst gerettet

An der der Wasserstrasse im St. Johann entzündete sich der Streit zwischen der Stadt und Links-Alternativen. Mit der Absichtserklärung der Basler Regierung klingt dieser vorerst ab: Die vom Abriss bedrohten Häuser dürften von einer Genossenschaft übernommen werden.

Nach drei Jahren der Kraftprobe hat der Basler Regierungsrat eingewilligt, acht alte Arbeiterhäuser an der Wasserstrasse nicht abzureissen, sondern in eine Genossenschaft zu überführen. Am Dienstag gab er zumindest einmal seine gute Absicht bekannt. Diese formelle Absichtserklärung sichert den Bestand der Häuser, sofern die benachbarten Industriellen Werke (IWB) nicht andere Absichten haben. Ursprünglich wollte die Stadt am Ort der Häuser Raum für die anliegende Schule schaffen. Die Primarschule muss in den nächsten Jahren erweitert werden.

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Daniel Gelzer, Präsident der Wohnbaugenossenschaft Gnischter, die die Häuser auf Wunsch der bisherigen Bewohner übernimmt und renoviert, ist erleichtert über den Entscheid. Gnischter darf, sofern die IWB mitspielen, die Häuser im Baurecht für einen marktüblichen Preis erwerben. Sozialrabatt gewährt die Besitzerin, die Liegenschaftsverwalterin des Kantons Immobilien Basel-Stadt, laut Gelzer keine.

Zwei Millionen Franken kosten die Renovierungsarbeiten, pro Haus sind das 250'000. Die 55 Wohnungen werden danach ab 450 Franken die Zweizimmerwohnung im Monat zu haben sein. Billiger kann man in Basel kaum unterkommen. Grund für den niedrigen Mietzins ist der noch niedrigere Ausbaustandard. Duschen gibt es in einigen Wohnungen in der Küche, grundsätzlich aber nur im Keller. Die Toiletten stehen auf dem Gang, Zentralheizung oder Lift sind kein Thema.

Ein Stück altes St. Johann

Die Wasserstrasse wird damit nicht nur günstiger Wohnraum bleiben, sie wird auch zum Erinnerungsort an eine andere Zeit und andere Prioritäten. Im Basler Quartier St. Johann blieb in den letzten Jahren kaum ein Stein auf dem anderen. Was im Gravitationsfeld der Forscherstadt Novartis Campus liegt, wurde bereits oder soll noch durchgeputzt werden. Das schmuddelige Hafenquartier muss zum Trendviertel werden – was einer gewissen Logik folgt, da kaum noch Kohlenschaufler dort arbeiten, sondern Laborleute und Managermenschen.

So sehen es die Planer. Die Bewohner sehen das anders. 2010, als der politische Kampf um die Häuser bereits lief, formierten sie sich zum Verein Wasserstrasse. «Keine Verdrängung von gewachsenen Quartierstrukturen!», forderten sie. Und: «Für ein günstiges und lebendiges St. Johann!». Als Immobilien Basel-Stadt ankündigte, leerstehende Wohnungen bis zum Abbruch Mitte 2012 an die Sozialhilfe zu vermieten, kam es zur Besetzung. Zwei Wochen später rückte die Polizei an und räumte die Wohnungen.

Dass der links-grün dominierte Regierungsrat von seiner harten Linie abgerückt ist und nun eine Lösung präsentiert, erklärt sich Genossenschafter Gelzer mit dem wachsenden Druck aus den eigenen Reihen: «Politisch hatte die Regierung keine andere Wahl.» Gleich zweimal fragten SP-Grossrätinnen in Vorstössen nach Alternativen zum Abriss. Es gebe starke Sympathien für die Anliegen der links-alternativen Freimraumbewegung, zu denen die Wasserstrassemieter gehören. «Deshalb musste die Regierung ein Signal aussenden, dass sie diese Leute ernst nimmt», sagt Gelzer. «Was um den Voltaplatz herum geschieht, ist sehr einseitig, kleine Werkstätten, Ateliers und eben günstige Wohnungen haben hier plötzlich keinen Platz mehr».

IWB muss noch einlenken

Vorerst ist aber unklar, ob die Genossenschaft Gnischter sich die Häuser wirklich einverleiben darf. Erst muss die IWB einwilligen, ein Öl-Tanklager abzubrechen, damit an jener Stelle die Schule erweitert werden kann. Die Abklärungen dazu laufen noch. Im Herbst soll der Entscheid fallen. Doch mit ihrer Absichtserklärung hat die Basler Regierung auch der IWB den Weg vorgespurt.

Zumal sich auch bürgerliche Politiker mit Kritik zurückhalten. FDP-Fraktionsschef Christophe Haller hat gegen die Genossenschaftslösung «grundsätzlich nichts einzuwenden, solange marktübliche Preise bezahlt werden». Haller befürchtet aber auch, dass der Erhalt der 100-Jährigen Häuser die Aufwertung des Quartiers gefährden könne. Und ein Verdacht bleibt ihm: «Hat sich die Regierung mit einem Geschenk die Ruhe der Strasse erkauft?»

25.1.2012, Renato Beck, TagesWoche

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