St. Johann: Wasserstrasse und «Schanze» luden zum Feiern ein

So 06 September 2015 | tags: TaWo

Die alte Häuserzeile beim Voltaschulhaus blühte am Samstag auf: Mit Partys in den Kellern, Filmvorführungen und Imbiss-Ständen standen die Gebäude für einmal allen Interessierten offen. Veganer Döner, Holzofen-Pizza und Hip-Hop-Konzerte gehörten genau so dazu wie eine Tombola-Preisverleihung mit einem Augenzwinkern: «Du hast eine Woche Ferien an der Wasserstrasse gewonnen – dazu erhältst du schon mal eine Luftmatratze», sagte die Moderatorin zum Gewinner.

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Trotz Rettung der Häuserzeile gibt’s noch offene Fragen

Bekanntlich sind die Gebäude an der Wasserstrasse 21–37 – ein paar der wenigen nicht sanierten Arbeiterhäuser des Quartiers – nicht mehr vom Abbruch bedroht. Über dem Eckhaus gegenüber der Schule hängt aber noch immer das Damoklesschwert: Ob Nummer 39 verschont wird, bleibt ungewiss. Der Grosse Rat beliess es im März bei einer unverbindlichen Absichtserklärung. Dennoch überwiegt der Optimismus bei manchen der rund 80 Leute, die dort wohnen: «Voraussichtlich soll die Häuserzeile anfangs Januar 2016 unter dem Dach der Genossenschaft Gnischter den Bewohnern überantwortet werden», sagt ein Bewohner. Daher hat das Fest am Samstag auch seinen bestimmten Grund: «Wir wollen den Erhalt der Häuser wie auch den Übergang zur Genossenschaft feiern.» Mit der Rettung der Bauten seien aber die Themen Quartierentwicklung und günstiger Wohnraum noch lange nicht vom Tisch: «Wir wollen bei der Stadt keineswegs den Eindruck erwecken, dass damit das Problem gelöst sei.»

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Das Thema Stadtaufwertung war daher omnipräsent am Fest. So erzählte ein Beteiligter über ein selbstverwaltetes Quartier in Uruguay. Zudem wurde der Film «Verdrängung hat viele Gesichter» über die Gentrifizierung in Berlin gezeigt. Dazu wurde die Kiezaktivistin Samira van Zeer zu einer Diskussionsrunde eingeladen.

Tierische Wandbilder aus Spanien

Als besonderer Gast war das Projecte Úter, ein Künstlerinnenkollektiv aus Mallorca, mit von der Partie. Auf dem riesigen Bild, das sich um Themen wie Ausbeutung und Schwangerschaftsabbruch dreht, konnten viele Details entdeckt und bestaunt werden: «Alle Tiere darauf sind positiv konnotiert», erklärte einer der Künstler. «Schnecken stehen als Zwitter für die Sexualität frei von gesellschaftlichen Zwängen, die Spinnen für die Vernetzung». Genau diese Tiere wurden auf der Fassade des einen Wasserstrassenhauses verewigt: Während des Festes malte eine Künstlerin fleissig bis in die Nacht hinein an einem Wandbild.

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Nicht selten macht die mittlerweile stadtbekannte Häuserzeile den Eindruck, eine geschlossene Gesellschaft einer bestimmten Szene zu sein – daher wollte man wohl an diesem Fest mit Hausführungen etwas Gegensteuer geben. Mehrere Interessierte aus dem Quartier machten von diesem Angebot Gebrauch.

Ein Jahr Mittagstisch an der «Schanze»

Zufälligerweise war in der gleichen Woche auch an einem weiteren ungewöhnlichen Ort etwas los: Der Mittagstisch an der Schanzenstrasse 54 feierte seinen ersten – und vermutlich auch letzten – Geburtstag: Vor einem Jahr wurde das leer stehende Häuschen – eine ehemalige Imbissbude – besetzt und fürs Quartier geöffnet. Unter dem Motto «365 Tage Schanze» wurde dort eine Aktionswoche durchgeführt und zurückgeblickt. Das Ganze gipfelte am Sonntag in einem Geburtstagsbrunch.

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Am Donnerstag sammelten Freiwillige Kleider und Schuhe für Flüchtlinge, um sie zur Empfangsstelle bei der Ökumenischen Seelsorge für Asylsuchende (OeSa) zu bringen. Ebenso stand ein gemeinsames «Containern» auf dem Programm: Überproduzierte und weggeworfene, aber geniessbare Lebensmittel wurden gesammelt. Diese landen einerseits auf dem Mittagstisch, andererseits auch in einem «Fair-Teiler»: Ein Kühlschrank und ein Kasten neben der Bude steht – ganz nach dem Prinzip des «Foodsharing» – allen Leuten zur Verfügung. «Das ist unabhängig vom Mittagstisch – jeder kann hier geben und nehmen», erklärte einer der Betreiber dieses Esswarentauschs. Dasselbe gilt auch für den «Bring-und-Nimm-Kasten», der gleich nebenan steht.

Baldiges Ende wegen ETH-Bau

Der Mittagstisch ist jeden Wochentag am Start – auch Uni-Dozenten, Studentinnen, Bauarbeiter und Passanten sollen bisweilen zu den Gästen gehören. Dabei gibt es keine strikte Trennung zwischen Wirten und Gästen: Jeder soll sein Geschirr abwaschen und kann auch selbst beim Kochen Hand anlegen. Die Zukunft dieser speziellen Verpflegungsstätte ist jedoch ungewiss. Ein sechsstöckiger Life-Sciences-Neubau der ETH soll bis 2020 an der Ecke Schanzen- und Klingelbergstrasse errichtet werden. Dazu werden die alten Gebäude des Frauenspitals und der Kiosk abgerissen. Wann das genau passieren wird, ist noch unklar: Immobilien Basel-Stadt hat Ende Jahr im Visier. Genaue Daten können aber noch nicht genannt werden, da dies vom Verlauf der Bauarbeiten abhänge.

6.09.2015, Michel Schultheiss, TagesWoche

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