Projekt Wasserstrasse

Fr 01 April 2011

Ein Vorschlag für den Erhalt der Häuserzeile an der Wasserstrasse 21 - 39

Die Stadt Basel soll die Liegenschaften an der Wasserstrasse 21 – 39 den Bewohnenden zur Bildung einer Genossenschaft überlassen. Der Boden soll verkauft oder im Baurecht zu einem fairen Zinssatz zur Verfügung gestellt werden.

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Wasserstrasse 21 – 39

Die Häuser an der Wasserstrasse 21 – 39 gehören zu den letzten nicht sanierten Wohnhäusern im hinteren St. Johann. In der Nische hinter dem Kraftwerk der IWB, an der Sackgasse, die auf den Pausenplatz des Voltaschulhauses führt, haben sie die zahlreichen Neuerungen und Baustellen im Quartier bisher überstanden und bieten vielen Bewohnern ein bezahlbares und angenehmes Zuhause. Gebaut wurden sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts von privater Hand. Später kamen die Häuser in den Besitz der IWB. Vor zehn Jahren wurden sie von der ZLV (Zentrale Liegenschaftsverwaltung) übernommen – der heutigen Immobilien Basel Stadt. Heute erscheinen die Häuser wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Vielleicht gerade deswegen sind sie vom Pausenplatz des Voltaschulhauses aus betrachtet ein echtes Bijou. Noch immer erfreuen sich die BewohnerInnen an den schönen Treppenhäusern und den Parkettböden, an der schlichten und doch liebevollen Innengestaltung der Häuser. Vor 100 Jahren wurde ein Wert geschaffen, der bis heute nützlich und schön ist. Die ganze Zeit über bezahlten die BewohnerInnen Miete; die Baukosten sind längst amortisiert. Weil nie in grösserem Stil renoviert wurde, sind die Mieten tief geblieben. Das könnte noch lange so weitergehen, aus dem einfachen Grund, dass damals so solide gebaut wurde. Es wäre also das normalste auf der Welt, dass Leute, die keinen Lift und keine Zentralheizung brauchen und denen es auch nichts ausmacht, dass das WC im Treppenhaus ist, deutlich weniger Miete bezahlen als es in neueren Gebäuden üblich ist. Die acht Arbeiterhäuser sollen nun aber vom „frischen Wind“, der im „Neuen Quartier“ weht, hinweggefegt werden. Der Erhalt dieser Häuser ist uns ein zentrales Anliegen, auch um der gesamten Entwicklung im Quartier entgegenzuwirken.

Karte

Der Verein Wasserstrasse

Der Verein setzt sich aus BewohnerInnen der Wasserstrasse 21 – 39 und interessierten Personen zusammen. Sein Ziel ist es, den Abriss der Häuser zu verhindern, sowie die Bildung des Projekts Wasserstrasse zu unterstützen, welches die Selbstverwaltung der Bewohnenden über die Liegenschaften bezweckt. Formuliert ist dies in Art. 3 der Vereinsstatuten: „Der Verein ist Forum der UnterstützerInnen der Häuser an der Wasserstrasse 21 – 39. Ziel des Vereins ist es, die bestehenden Häuser mit günstigem Wohnraum zu erhalten. Die Häuser sollen dafür in ein Modell der Selbstverwaltung überführt und dem Immobilienmarkt entzogen werden. Der Verein sucht nach einer passenden Form der Selbstverwaltung.“ Der Verein bietet das Gefäss, die folgende Forderung zu formulieren: Wir wollen weiter in diesen Häusern und unseren Wohnungen leben, weil sie schön und liebenswert sind mit einem Lebensstandard, den wir selbst bestimmen und dessen Kosten wir aufbringen können. Der bezahlbare Wohnraum soll erhalten bleiben, weil wir und viele andere auf ihn angewiesen sind. Günstiger Wohnraum muss nicht gebaut werden, sondern geschützt. Wir fordern von der Stadt nichts anderes, als die Verwaltung abzugeben. Ziel ist die Gründung einer Genossenschaft an der Wasserstrasse, sowie die Übernahme der entsprechenden Häuser durch dieselbe. Sollte der Boden in der Form eines Baurechtsvertrags an die Genossenschaft übergehen, so wird eine Dauer desselben von mindestens 100 Jahren gefordert. Die Realisierung genossenschaftlich genutzter Immobilien im Baurecht ist möglich, wie das Beispiel der Genossenschaft Hegenheimerstrasse gezeigt hat. (Siehe: Medienmitteilung des Regierungsrats des Kantons Basel Stadt vom 1. März 2011)

Transpi

Instandhaltung und Bausubstanz

Zum Zustand der Liegenschaften lässt sich sagen, dass sie trotz jahrelanger Vernachlässigung noch immer stabile, sanierbare Bausubstanz aufweisen. Für den Erhalt der Häuser sind einige bauliche Massnahmen notwendig. Insbesondere die Dächer müssen bald saniert werden. Eine Kostenaufstellung, die durch den Verein veranlasst wurde, beläuft sich auf rund 2 Mio. Franken für die längerfristige Instandhaltung aller acht Häuser. In dieser Aufstellung sind die Sanierung von Dächern und Fassaden, neue Fenster, die Erneuerung der Kanalisationsanschlüsse, sowie der Sanitär- und Elektroinstalationen enthalten. Damit wird auch höheren Ansprüchen bezüglich der Wärmedämmung Rechnung getragen. Es wurde darauf geachtet, dass diese Renovationen keine grossen Mieterhöhungen nach sich ziehen werden, was bei einer solchen Sanierung auch möglich ist.

Aktuelle Situation

Über die Abrisspläne gab es lange Zeit keine konkreten Informationen, auch wenn unter den Bewohnenden der Häuser immer wieder Gerüchte über solche auftauchten. Dies änderte sich im Juli 2008, nachdem in einer von Guy Morin beantworteten Interpellation bezüglich der Sauberkeit des Pausenplatzes unbeabsichtigterweise die Information durchsickerte, dass die Häuser „Im Zuge des Projekts Volta Ost“ ohnehin abgerissen würden. Hinzu kommt, dass sich mit dem Kauf der Liegenschaft an der Elsässerstrasse 56 durch die Immobilien BaselStadt mittlerweile nahezu das ganze Gelände im Dreieck Voltastrasse / Elsässerstrasse / Wasserstrasse im Besitz der Stadt Basel befindet. Informationen über das Projekt Volta Ost sind spärlich zu finden. Seit ein paar Jahren werden die Wohnungen aber nicht mehr neu vermietet. Im Zuge einer Interpellation im April 2009 vor dem Grossen Rat wurde den Mieterinnen und Mietern offiziell mitgeteilt, dass der Abriss Mitte 2012 stattfinden soll. Seither wurden immer wieder verschiedene Projekte vorgestellt, von denen keines konkrete Formen anzunehmen scheint. Seit einiger Zeit werden die unvermieteten Wohnungen nun der Sozialhilfe übergeben. Gegenwärtig haben bereits einige Mieterinnen und Mieter gekündigt und ihre Wohnungen abgegeben, viele sind aber noch hier, und entschlossen, hier zu bleiben.

Verbot

Zur Stadt- und Quartierentwicklung

„Die Stadt als gebauter, belebter, erzählter und politisierter Raum ist ein vielschichtiges Gebilde. [...] Je nach wissenschaftlichem Standpunkt und politischer Position fallen die Antworten auf die gleichen Fragen anders aus.“ (Broschüre Was ist Stadtentwicklung und wozu ist sie gut? der Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt, S. 3) In den letzten Jahren hat sich das Bild verschiedener Gebiete in der Stadt Basel teilweise grundlegend verändert. Viel wurde gebaut, überbaut, saniert und in diesem Zusammenhang meist von Aufwertung der Quartiere gesprochen. Immer geht es darum, „eine hohe Wohn-, Lebens- und Arbeitsqualität zu fördern“(ebd. S. 6). Doch stellt sich bisweilen die Frage, was denn nun von den verschiedensten Bewohnern einer Stadt als hohe Wohn- oder Lebensqualität empfunden wird. Die von oben verordnete „Wohn- und Lebensqualität“ ist für viele der Bewohnerinnen und Bewohner nicht bezahlbar und ignoriert die Bedürfnisse derer, die Lebensqualität nicht gleichsetzen mit Einbauküchen und Einkaufszentren. Denn wenn man die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet, scheint die Bevölkerung Basels vor allem ein Bedürfnis nach Grossprojekten und teuren Wohnungen zu haben. Im unteren St. Johann, genauer vom St. Johanns Bahnhof über den Voltaplatz bis zum Novartis Campus, lässt sich diese Entwicklung und die praktische Umsetzung beispielhaft erkennen. Lange Jahre war das untere St. Johann und im Besonderen die Umgebung des Voltaplatzes zumindest in der Wahrnehmung der Behörden ein „unattraktives“ Gebiet. Das untere St. Johann, am Rand der Stadt gebaut, eingezwängt zwischen Industrie und Grenze, war noch nie ein nobles Quartier; schon immer haben hier vor allem ärmere Menschen gelebt. Auch die Bauten aus den 60er und 70er Jahren unterstrichen den Charakter des Quartiers als Sammelbecken verschiedenster Menschen mit zumeist geringem Einkommen.

Mit dem Beginn des Baus der Nordtangente in den 1990er Jahren wurde das Quartier nachhaltig verändert. Viele Altbauhäuser wurden abgerissen und durch Neubauten ersetzt, andere saniert und aufgewertet. In dieser Zeit wurde das Gebiet um den Voltaplatz als grosse Baustelle wahrgenommen. Nach der Fertigstellung der Nordtangente wurde die Entwicklung des Quartiers als Teil der Stadtentwicklung Basel Nord fortgeführt. Für das St. Johann zentral ist dabei das Projekt Pro Volta, welches sich wiederum unterteilt in VoltaMitte, VoltaZentrum, VoltaWest und VoltaNord. In Zuge dessen wurden Neubauten vom St. Johann Bahnhof bis zum Voltaplatz errichtet, sowie die noch stehenden Altbauten an der Voltastrasse saniert. Die meisten dieser Projekte werden von Stadt und Privaten in Bezug gebracht mit dem Novartis Campus. So wirbt beispielsweise das VoltaZentrum mit dem schlichten Slogan „near the campus“ (www.voltacenter.ch). Aber auch in der offiziellen Stadtentwicklung erscheint der Novartis Campus als Hauptbezugspunkt: „Nach Fertigstellung der Nordtangente sollen die Wohngebiete entlang der Voltastrasse an Attraktivität gewinnen. Ziel ist, eine hohe Standortqualität in unmittelbarer Nachbarschaft zum ‚Novartis Campus des Wissens’ zu erhalten“ (www.baselnord.bs.ch). Offensichtlich wird kaum Rücksicht genommen auf die Menschen, die nichts mit dem Campus zu tun haben und die während des äusserst lärmigen Umbaus in diesem Gebiet lebten.

Pläne

Zum Wohnraum

Von offizieller Seite spricht man immer wieder davon, dass neue Wohnungen entstehen sollen. Von wem diese in Zukunft bewohnt werden, ist offensichtlich: das Projekt Logis Bale – 5000 Wohnungen in zehn Jahren kümmert sich nur um grossräumige, teure Wohnungen mit hohem Standard. Billiger Wohnraum ist unattraktiv oder wie es Logis Bale ausdrückt: „Der Verbleib oder die Rückkehr von «guten Steuerzahlern» liegt im Interesse aller Einwohnerinnen und Einwohner des Stadtkantons und ist deshalb tatsächlich ein wichtiges Ziel des Programms 5000 Wohnungen.[...] Grosse, qualitative gute Wohnungen können nicht billig sein“ (www.logisbale.ch). Dass man sich konkret darum bemüht, billigen Wohnraum zu schaffen und zu erhalten, ist nirgends sichtbar. Die neuen Wohneinheiten, die im Gebiet Volta entstanden, befinden sich allesamt im hohen Preissegment. So zahlt man für eine 2.5-Zimmer- Wohnung im VoltaCenter um die 1'800 Franken. Eine 3-Zimmer-Wohnung in der Neuüberbauung an der Voltastrasse kriegt man ab 2'000 Franken im Monat (www.voltacenter.ch und www.janus.ch). Für Menschen mit geringem Einkommen ist augenscheinlich kein Platz. Auch in manchen der nicht abgerissenen, sanierten Häusern, stiegen die Mieten um nahezu die Hälfte an, sodass viele frühere Bewohner diese nicht mehr aufbringen können oder wollen. Wirklich billiger Wohnraum ist nahezu gänzlich verschwunden – einzig in den noch bestehenden, nicht sanierten Altbauten lässt es sich noch günstig wohnen. Doch genau dort stellt sich die Frage, wie lange dies so bleibt. Denn die Entwicklung weist in eine klare Richtung.

Mit dem Abriss der Wasserstrasse 21 - 39 würden 52 Wohnungen, die als günstiger Wohnraum wirklich bestehen, auf einen Schlag verschwinden. Es gibt keine Möglichkeit durch Neubauten solch günstigen Wohnraum zu erschaffen.

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