Ein Hausabriss, damit Primarschüler Direktzugang zur Autobahn haben?

Di 13 Januar 2015 | tags: VICE

Die Häuser an der Wasserstrasse (genauer: die Nummern 21-39) sollten bereits 2012 abgerissen werden. Die Mieter gründeten den „Verein Wasserstrasse" und engagierten sich in den Jahren davor mit Festivals, Konzerten und Nachbarschaftstreffen, damit die Wasserstrasse bleibt wie sie ist. (Das machten sie recht geschickt, denn sogar eine griesgrämige Nachbarin, die zufällig meine Grossmutter ist, meinte, dass das nette junge Leute seien.)

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Die Häuser sind im Besitz der Stadt—und die Stadt Basel schien dem „Verein Wasserstrasse" entgegenzukommen: Im Januar 2012 stimmte der Basler Regierungsrat einer Absichtserklärung zu, die das Baurecht an der Wasserstrasse 21-39 der Genossenschaft „Gnischter" (in Zusammenarbeit mit dem „Verein Wasserstrasse") übergeben sollte, falls die genannten Ausnahmen—eine mögliche Schulhauserweiterung und der Umbau des IWB-Kraftwerks—ausgeschlossen werden können.

Ende 2014 wurde klar, dass weder das Schulhaus Volta noch die IWB umgebaut werden. Die Primarschulkinder sollten über denselben Pausenplatz tollen und die Wasserstrasse-Häuser hätten die „Keimzelle der künftigen Genossenschaftssiedlung" (Zitat „Verein Wasserstrasse") werden können.

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Viele Familien, viele Leute, die sich nirgends in der Stadt eine Wohnung leisten können, leben in den Wasserstrasse-Häusern. Die Bewohner organisieren sich selbst; sie kümmern sich um eine Lösung; sie wollen diese Wohn(-konditions-)oase erhalten. Hier wartet niemand auf den Staat—ist ja logisch, denn der Staat wollte die Häuser abreissen.

Vielleicht wird die renovierte 2-Zimmer-Wohnung plus Mansarde in der neuen Genossenschaftssiedlung 500 statt wie bisher 340 Franken kosten, aber trotzdem bleiben es traumhaft tiefe Mieten. (Mein WG-Zimmer im Klybeck hat dieselben Stukkaturen, dieselbe Grösse und denselben Verfallgrad wie das Zimmer auf dem Foto, doch ich zahle nur für das Zimmer 600 Franken; unsere Küche ist lächerlich klein und im Badezimmer bekommt man klaustrophobische Anfälle.)

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Aber die Stadt Basel lässt die Wasserstrasse 21 bis 39 nicht endgültig zur Genossenschaft wachsen, sondern will die Nummer 39 abreissen. 15 Leute wohnen im 120 Jahre alten Gebäude. So wird der Abriss begründet:

  1. Ein Fussgängerdurchgang vom Pausenplatz zur Dreirosenbrücke
  2. Neue Brandschutzvorschriften
  3. Eine zusätzliche Feuerwehrzufahrt

Auch jetzt gibt es einen etwa 8 Meter breiten Durchgang zwischen der Wasserstrasse 39 und dem Schulhaus. Ein hoher, massiver Zaun versperrt ihn. Der Hauswart vom Volta-Schulhaus, Bruno Petrig, sagte mir:

„Der Zaun wurde überhaupt erst gebaut, damit die Schüler nicht auf die Dreirosenbrücke rennen."

Patrizia Bernasconi, Geschäftsleiterin des Mieterverbands Basel-Stadt und Basta!-Grossrätin, versteht den geplanten Abriss nicht: „Die Absichten des Regierungsrates sind unklar. Es erscheint mir unfair, dass man dem Verein Wasserstrasse mit der Absichtserklärung über Jahre hinweg Hoffnungen gemacht hat und man diese Hoffnungen jetzt kaputtmachen will."

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Sollen Haus und Zaun abgerissen werden, damit die Schulkinder direkt vom Pausenplatz auf die Dreirosenbrücke, zur Autobahn, können? Es wirkt absurd.

Die Wasserstrasse ist via Wasserstrasse zugänglich—auch für die Feuerwehr. Und auch geänderte Brandschutzvorschriften sind kein solides Argument, denn Brandschutzvorschriften ändern sich ständig. Der „Verein Wasserstrasse" schreibt: „Nirgends werden Häuser abgerissen, um aktuellen Bestimmungen zu entsprechen."

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Niemand weiss wirklich, weshalb die Wasserstrasse 39 abgerissen werden soll. Aber alle wissen, dass für die Wasserstrasse 39 alles davon abhängt, was der Grosse Rat Ende Februar oder Anfang März entscheidet. In Hoffnung auf das Rationale in der Welt (oder zumindest bei den städtischen Behörden), wünsche ich mir, dass die Grossratsdebatte zumindest nachvollziehbare Gründe für den Abriss öffentlich macht.

In der ganzen Stadt steigen die Mieten (Ja, die Wohnungen werden moderner, sind besser isoliert und heller, aber was ändert das, wenn man sie sich nicht leisten kann?!) und mit den Plänen des Stadtentwicklers (Thomas Kessler, Grüne Partei) kann man Probleme haben (oder auch nicht), aber der geplante Abriss des Hauses an der Wasserstrasse 39 macht mich besonders fertig, da kein nachvollziehbarer Grund genannt wird. Es scheint, als ob bezahlbare Wohnungen einfach vernichtet werden. For the sake of it.

13.01.2015, Benjamin von Wyl, VICE

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